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Memel
Ziemlich auf
den Tag genau vor fünf Jahren war ich zuletzt im Baltikum und so kam das
Tourangebot eines gewissen Herrn S. aus G. gerade recht um längst
verblichene Erinnerungen wieder vorzuholen. Im Vorfeld gab es einige
unüberbrückbare Kommunikationsschwierigkeiten, die sich einzig und allein um
die definitive Teilnehmerzahl der Reisegruppe drehte. Erst waren wir nur zu
viert, dann fünf und somit eigentlich zu viele für eine gemütliche Tour mit
dem Leihwagen. Am Ende buchten wir dann doch zwei Karren um dann doch wieder
zu fünft in einer Karre zu sitzen. Aber eins nach dem anderen. Am
Freitagmorgen versammelten sich die Reisenden am Airport Schönefeld (das
Ehepaar S. aus G., ein weiterer Patient aus dem Dunstkreis der
Widerwärtigen, der Harza und ich) und sehr zu meiner Freude erblickten meine
Sehorgane noch Maxi, der mit einem Kumpel eine etwas größere Tour über
Litauen, Lettland, Estland, Finnland und Russland anging. Der Flug mit
Ryanair für schlanke 30 Euro (inklusive Retoure) war wie üblich
unspektakulär und brachte uns überpünktlich (natürlich nicht ohne die
obligatorische Fanfare an Bord) nach Kaunas. Nachdem die Mietwagen in
Empfang genommen waren, wurden die Reisenden auf die Fahrzeuge verteilt.
Harza und ich zogen natürlich das absolute Traumlos in persona Oli B. aus H.
inklusive gelbschwarzer Agitationsversuche. Von Kaunas ging es direkt nach
Klaipeda mit dem Ziel sich dort erstmal schön am Strand abzulegen und am
Abend die Partie in Gargzdai zu besuchen. Während es auf den ca. 200 km dort
hin richtig heiß war, empfing uns das ehemaligen Memel mit deutlich kühleren
Temperaturen und sehr bedecktem Himmel. Der Harza und ich hatten uns ein
Hotel unweit des Bahnhofs vorgebucht, während die Sparfüchse auf das
örtliche Hostel auswichen, welches aber auch nur ein paar hundert Meter von
unserem Etablissement entfernt lag. Ansgar nebst Gattin zog es hingegen
etwas weiter nördlich nach Palanga, wo es angeblich den schönsten Strand der
Ostsee geben soll. Nachdem schließlich alle ihre Sachen verstaut hatten,
gingen wir (ohne die Partylöwen aus Palanga) das Projekt Stadterkundung an.
In der drittgrößten Stadt Litauens lebten bis vor 100 Jahren Deutsche und
Litauer friedlich nebeneinander und gerade der Altstadt rund um den
Theaterplatz sieht man dies auch noch an. Schnuckelige kleine Häuschen die
mit Gassen aus Kopfsteinpflaster verbunden sind. Wir nutzten diese
Atmosphäre und schoben in einem Cafe unser verspätetes Mittagessen nach. Ein
erstklassiges Mahl wurde uns zu einem kleinen Preis serviert, allerdings
waren die Portionen etwas mickrig. Obwohl sich der Himmel mittlerweile
bedrohlich zugezogen hatte wollten wir noch die Kurische Nehrung mit unserem
Besuch beglücken. Unweit der Altstadt gibt es dafür eine Fähre zur dieser
Landzunge, die die Ostsee vom Kurischen Haff trennt. Der nördliche Teil
gehört zu Litauen und der südliche zu Russland. Angeblich kann man dort auch
mit einem Tagesvisum für umgerechnet sieben Euro über die Grenze, aber diese
Angabe ist ohne Gewähr. Wir setzten mit der Personenfähre über (ca. 80 Cent
für den Hin- und Rückweg) und nach einer Viertelstunde waren wir auf der
anderen Seite. Um von dort an die Ostsee zu kommen muss man noch mal eine
weitere Viertelstunde durch einen Kiefernwald laufen und dabei kräftig
frische Luft in die Lungen pumpen. Der Strand sah sehr geil aus und war
obendrein auch noch menschleer, aber kein Wunder, mittlerweile regnete es.
Der Harza musste natürlich wieder mit seinen Schweißmauken die halbe Ostsee
vergiften und sich dabei noch von dem Typen aus Hagen fotografieren lassen,
nur um mit diesen Schmuddelbildchen seine Facebookseite zu verschandeln. Wat
für’n Pärchen, die beiden Schnuckis. Im strömenden Regen traten wir dann
schließlich den Rückweg an, da der Anpfiff unseres ersten Spiels frohlockte.
Einer musste natürlich noch mal zum Hotel um sich umzuziehen und genau diese
fünf Minuten fehlten am Ende um noch den Einlauf der Mannschaften zu sehen.
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Das Örtchen
Gargzdai liegt etwa 20 Kilometer östlich von Klaipeda und beheimatet nicht
nur den F. K. Banga Gargzdai sondern auch das größte Stadion des Landes (lt.
GH-Informer, aber das ist ja auch fast so gut wie offiziell). Das Stadion
besteht aus einer überdachten Haupttribüne mit ausreichend Sitzplätzen und
einer unüberdachten Gegengerade die man zusätzlich mit anscheinend übrig
gebliebenen Schalensitzen ausgestattet hat. Nicht der Brüller, aber ok. Der
Gast an diesem Abend kam aus Klaipeda (F.K.), so dass man, wenn man den
Begriff nur weit genug fasst, getrost von einem Derby sprechen konnte. Und
wie es sich für ein Derby gehört waren auch Gästefans (immerhin 12) zugegen,
die aber nicht mit Eisenstangen bewaffnet die Heimseite stürmte. Die
erlebnisorientierten Mitfahrer kompensierten diesen für sie elementarsten
Bestandteil eines Fußballspiels mit Alus (deutsch: Bier) und altem Brot in
Öl und Knoblauch (sehr lecker, kriegt man im Becher). Meine Erwartungen
bezüglich der Zuschauerzahlen in Litauen wurden mit den ca. 800 Anwesenden
deutlich übertroffen. Von allen drei baltischen Staaten ist der Fußball in
Litauen am wenigstens entwickelt. Erst vor ein paar Jahren übernahmen einige
seriöse Funktionäre die Liga und die Vereine und stellten einen ordentlichen
Ligabetrieb auf die Beine. Davor waren nur Schurken und Halunken am Werk und
die Spiele wurden munter verschoben. Basketball ist die absolute Nr. 1 in Litauen (Europameister, Bronzemedaillengewinner bei den
Olympischen Spielen) und im Fußball konnten sie allenfalls Achtungserfolge
(u. a. ein 1:1 in Deutschland oder ein 1:0 Sieg gegen Schottland) feiern.
Das Spiel war natürlich totaler Hafer, wurde aber dennoch von ein paar
Einheimischen Fans supportet. Aber das Beste wurde bis zum Schluss
aufgehoben, der Schlusspfiff. Eine Stunde später saßen wir dann verstärkt
durch einen weiteren Frankfurter Ultra in einer Kneipe und ließen die
Ereignisse des Tages Revue passieren. Zwei Suffies mussten übrigens
frühzeitig die Segel streichen, aber wer schon auf dem Hinflug das erste
Bier ordert, bricht dann zusammen wenn es am schönsten ist.
Tore: 0:1
(60. Min.) Lukosius, 1:1
(90.
Min.)
Gudauskas |