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            Serie A, Saison 06/07, 29.10.2006             

 

   2:3 

 

ACF Fiorentina - U. S. Palmero

 

  Firenze, Stadio Comunale Artemio Franchi (29.847 Zuschauer) 

 

 

Die Rückfahrt vom Kick Palermo gegen Messina war noch einen Zacken schärfer als die Hinfahrt. Auch wenn ich mich hier ständig wiederhole, aber vom Autofahren in Italien kann ich gar nicht genug bekommen. Der Ritt vom Stadion bis zur Autobahn glich einer Fahrt in einem Autoskooter, nur ohne Vollkontakt und den komischen Schlitz für die Plastikmünze. Kaum auf der Autobahn, musste man diese wegen einer geplanten Vollsperrung verlassen um sich im Dunkeln auf der Küstenstraße entlang zuhangeln. Dabei hatte ich mal wieder einen Einheimischen im Nacken, der problemlos meine Rückleuchten hätte aus- und einbauen können. Ist jetzt vielleicht nicht so interessant, aber der Igel, der mitten in der lauschigen Nacht gemütlich über die Straße nach Hause ging, betrat nun die Bühne in diesem Drama und konnte froh sein, dass dieses Stück nicht zur Tragödie wurde. Auf jeden Fall tauchte das putzige Geschöpf auf einmal in meinem Scheinwerferlicht auf, was mich zu einer Entscheidung zwang. Draufhalten und einem Auffahrunfall aus dem Weg gehen oder Bremsen und hoffen, dass der Fahrzeugführer des Wagens hinter mir über ein herausragendes Reaktionsvermögen verfügt. Nach einer kleinen Ewigkeit, die man gemeinhin als Bruchteil bezeichnet, entschied ich mich für letztere Variante. Vollbremsung und sämtliche CDs und der dazugehörige Player flogen zurück ins Handschuhfach (auch eine Methode aufzuräumen), der Typ hinter mir stieg auch in die Eisen, riss das Lenkrad rum und bremste dann auch für das drollige Stacheltier. Während der Igel wahrscheinlich dachte, beim nächsten Mal bin ich dann aber doch vorsichtiger im Straßenverkehr, entstiegen zwei braungebrannte Mittvierziger dem Geländewagen und machten wir mir deutlich, dass meine Fahrweise nur bedingt zu der sonst in Süditalien üblichen passen würde. Warum auch immer, stieg ich dann auch aus und schrie den beiden Möchtegern-Gangstern zu, dass es bei Einhaltung eines Mindestabstandes zu diesem “Gespräch” gar nicht erst hätte kommen  müssen. Ich war mir allerdings nicht ganz sicher, ob sie diesen Sachverhalt verstanden hatten. Aber so schnell sich die Gemüter erhitzten, so schnell kühlten sie auch ab und dann ging die Fahrt weiter. Stolz, ein kleines Igelleben gerettet zu haben erreichte ich gut zwei Stunden später das Bettchen.

Nach zwei Tagen Sonnetanken standen am Samstag dann die Abreise und das Spiel von Crotone gegen Rimini auf meinem Zettel. Wenn alles optimal gelaufen wäre, was es ja nun nicht ist, hätte ich in Süditalien fast alles weggehabt. So richtig konnte ich mich dann auch nicht mehr motivieren, zumal Crotone laut Lonely Planet Reiseführer früher für seine hübschen Mädchen bekannt war, heute davon allerdings nix mehr davon zu sehen gibt. Jetzt war auch alles egal, drum drauf geschissen, ich muss (und will) eh noch mal runter und dann am Samstag mehr als 1.000 km bis Florenz abgerissen. Dies bescherte uns am Sonntag nicht nur einen Tag in einer der schönsten Städte im Land mit dem Stiefel, sondern obendrein noch aufgrund der Zeitumstellung eine Stunde mehr. Bis Mittags dann mit den beiden Damen durch die Stadt geschlendert, um dann anschließend mit dem Zug bis zum Stadion zu fahren. Alternativ hätte noch das Mailänder Derby auf dem Programm gestanden, aber das fand leider schon am Vorabend statt. Exakt neunzig Minuten vor dem Anpfiff erreichte ich die Kassenhäuschen am Stadio Comunale Artemio Franchi. Aber was war das? Alle geschlossen, bis auf das für die reservierten Karten. Ergo hier mal angestellt und dann das gemacht, was ich mittlerweile fast perfekt beherrsche: einen auf Doof gemacht. Aber halt nur fast, denn skandalöserweise (man kann ja wohl mal in weiser Voraussicht eine Karte hinterlegen) stand meine Name auf keinem der Umschläge und auch der sonst eigentlich fast immer funktionierende Trick 17 scheiterte kläglich. Der Typ meinte doch allen Ernstes, dass Karten in Italien laut Gesetz nicht in den letzten zwei Stunden vor dem Spiel verkauft werden dürfen. Gesetz hin oder her, aber wer hält sich schon daran. Wir sind hier in Italien! Letzte Option war dann der Schwarzmarkt und man glaubt es kaum, auch dieser war nicht vorhanden. Ergo bin ich dann erst mal dahin marschiert wo sich die größte Menschenansammlung befand, und während ich mich so vor der Bar rumdrückte und die ziemlich beschissene Lage sondierte, entdeckten meine trüben Augen auf einmal in der Bar ein kleines Fenster wo Menschen davor standen und irgendwas wild hineinbrüllten. Gleich mal einen Typ angehauen und der erzählte mir, dass hier noch Billets verkauft werden. Also erstmal ganz hinten angestellt und gleich den Fehler bemerkt. Macht man nämlich nicht und nach etwa einer Dreiviertelstunde war ich nur noch Zentimeter von meinem Glück entfernt. Ein Japaner vor mir legte fünf Ausweise auf die kleine Anrichte und ich gleich meinen dazu. Kurz danach war ich stolzer Besitzer einer Einlassberechtigung für 27 Euro.

Auf den Schreck erst mal an die Theke und Käffchen bestellt und während ich so auf die Koffeinbombe wartete, kam auf einmal ein Typ zu mir und guckte mich komisch an. Ich guckte genauso dämlich zurück und dann setzte sich in mir ein Prozess in Gange, den man gemeinhin als Erinnern bezeichnen könnte. Wäre dies hier jetzt ein Film, würde es jetzt nebelig oder schwarz-weiß werden und ich mich neun Monate zurück versetzt in dem Zug von Messina nach Palermo wieder finden. Ich sehe, wie mir aufgrund einer Zugbremsung eine Flasche Softdrink herunterfällt und ein freundlicher junger Mann diese für mich aufhebt (ja, auf Sizilien hat man noch Respekt und ist höflich gegenüber älteren Menschen). Plötzlich sind dieser Typ aus dem Rückblick und mein Gegenüber eins und wir lachen uns freundlich an. Er: „Treno Messina – Palermo?“ Ich: „Si!“ Ich konnte mich noch weiter erinnern, dass er damals wohl auch beim Fußball war und so fragte er mich, ob ich auch Palermo-Fan sei? Da mir irgendwie die Worte fehlten, ihm dieses Hobby für Gehirnamputierte zu erläutern, habe ich gleich noch ein „Si“ hinterher geschoben. Dann fragte er mich, ob ich auch eine Karte für den Gästeblock gekauft hätte, doch diesmal kam meinerseits nur ein „No“. Wir plauschten noch ein bisschen über die allgemeine Weltpolitische Lage und gingen dann wieder getrennte Wege. Auch wenn ich es schon zwei Seiten zuvor erwähnte, diese Welt ist doch verdammt klein.

Dann mal hereinspaziert in die gute Stube und meine Karte berechtigte mich zum Zutritt des unteren Blocks auf der Gegengeraden. Die Sicht war hier gelinde gesagt beschissen. Trotz des ansonsten ganz netten Stadions wurde Florenz gleich mal auf meine persönliche Negativliste verbannt. Außerdem ärgerte ich mich, dass ich nicht auf die Idee mit einer Karte für den Gästeblock gekommen bin. Egal, zu spät!

 

 

Spiel & Stimmung:

 

Sehr zu meiner Freude gewann Palermo das Spiel. In der ersten Halbzeit war der Kick schon nicht schlecht und da beide Mannschaften gleichwertig waren, ging es mit einem leistungsgerechten 1:1 in die Kabine. Die Stimmung war auch ok, wenn auch nicht top! Richtig spaßig wurde es in der Halbzeitpause, als ein paar Jungs im Gästeblock einen Dicken machten und ein paar Florentiner darauf ansprangen. So bekam man ein lustiges Schauspiel geboten. Garniert wurde das ganze mit fliegenden Wasserflaschen aus dem Gästeblock über die recht hohe Absperrung auf die Gegengeraden. Später urinierten ein paar Sizilianer in selbige und warfen dann fleißig die gelbe Flüssigkeit durch die Gegend. Das machte ein paar Jungs in lila ziemlich wild, doch ausrichten konnten sie nix. Lediglich verbale Hinweise auf die Nähe zu Afrika konnten sie von sich geben. Im zweiten Durchgang war das Spiel richtig klasse. Zehn Minuten vor dem Ende ging Palermo in Führung und fünf Minuten später gelang Mutu der Ausgleich. Zugegeben ziemlich verdient, da die Gastgeber vorher schon zweimal die Latte trafen. Kurz vor dem Abpfiff dann das 2:3 und der Jubel im Gästeblock war einfach unbeschreiblich. Herrlich!

Tore: 0:1 (10. Min.) Di Michele, 1:1 (30. Min.) Barzagli (ET), 1:2 (80. Min.) Amauri, 2:2 (85. Min.) Mutu, 2:3 (90. Min.) Amauri.

 

 

 

 

 

 

 Stadion:

 

Trotz der ovalen Bauweise ist das Stadio Artemio Franchi ein reines Fußballstadion. Überdacht ist hier nur die Haupttribüne, alle anderen Bereiche müssen ohne diesen Luxus auskommen. Eigentlich nix besonderes, wäre da nicht der etwas seltsame Turm inmitten der Gegengeraden. Er sieht aus wie einem schlechten Science-Fiction-Film entsprungen und hatte (oder hat) die Funktion einer Antenne.

 

 

 

 

Tageskilometer:               1.170 km von Palermo nach Florenz und dann weiter 1.230 km nach Berlin

Saisonkilometer:            14.051 km (12.007 km KFZ und 2.044 km mit der Bahn)

zum Vergleich 05/06: 46.387 km (10.984 km Flugzeug, 24.473 Km Bahn, 11.183 km KFZ, 288 km Schiff, 690 km Bus)

 

 

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